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Auf einer Skala von Eins bis Zehn

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Fuck, ich glaube, ich falle.
Verdammt, jetzt bloß nicht voll auf die Schulter krachen!
Oh, doof, voll auf die Schulter gekracht.
Jetzt bloß nicht auch noch auf den Kopf.
Mist. Auch noch voll auf den Kopf.
Gut, voll auf den Helm.
Noch was?
Nee.
Ich liege im Regen auf der Straße und kann noch denken.
Scheiße, tut das weh.

All dies denke ich in der Viertelsekunde, die es dauert, bis ich auf der Straße liege, nachdem es mir im Regen auf Kopfsteinpflaster die Vespa weggerissen hat. Man fragt sich, wo dieses Schnelldenkpotential im Rest des Lebens Urlaub macht.

Da dies alles direkt vor unserem Büro passiert ist und die Vespa beim Fall ziemlich gekracht hat (meine eigene Landung war im Vergleich geräuschlos, Ninja-artig fast, wenn auch sicher nicht besonders elegant), sind die lieben Nachbarn und ein Passant sofort zur Stelle. „Gehtschon“ sagt man ja dann gerne, um sich selbst zu versichern, dass nix Schlimmes passiert ist.

Also sage ich nach dem Sturz und nachdem die Vespa (ohne einen Kratzer, das Stück!) von der Straße und ich im Büro war, zwei Stunden lang „geht schon“, während ich auf meinem Stuhl mit den Tränen kämpfe. Um dann zu gestehen: Geht nicht. Tut weh wie Sau. Ich muss ins Krankenhaus.

„Auf einer Skala von Eins bis Zehn: Wie stark würden Sie ihren Schmerz beschreiben? Zehn ist Todesschmerz.“ Notaufnahmenaufnahmeleiter wär nix für mich.

„Schwer zu sagen“, erwidere ich. „Bei Todesschmerz, den ich ja glücklicherweise noch nie hatte und daher nur bedingt einschätzen kann, würde ich auf die Frage nicht antworten können, oder? Es tut schon sehr weh, aber ich war bei zwei Geburten dabei und ich denke, es ist hier jetzt nicht die Zeit für memmenhafte Männerübertreibung meinerseits. Ich entscheide mich für Vier bis Fünf.“ – „Okay“, sagt der Notaufnahmenaufnahmeleiter und macht ein Kreuzchen zwischen einer Vier und einer Fünf auf einer Karte, auf der „1 – nach Hause schicken“ und „10 – lohnt sich nicht mehr“ steht. Bilde ich mir ein.

„Dann ziehen sie schonmal das T-Shirt aus, die Ärztin kommt gleich.“

Mit dem gewohnten Schwung will ich seiner Bitte Folge leisten, doch leider haut mir dabei ein Elefant einen Vorschlaghammer auf die linke Schulter und ist dabei total ungeschickt, wegen des Rüssels. Tränen schießen mir in die Augen, die Beine sacken mir weg und ich kann gerade noch rufen „Ich erhöhe auf Sechs!“, bevor ich mich wimmernd auf eine dieser Krankenhaus-Liegen setze.

Geht schon. Sicher nur die Muskeln, die ob der plötzlichen Anspannung schmerzen. Oder die Sehnen. Oder was man sonst so in der Schulter hat zwischen den Knochen. Die aber bestimmt okay sind. Ich habe mir noch nie was gebrochen, hatte noch nie eine OP. Und so soll das auch bleiben.

Die Ärztin kommt gar nicht gleich, sondern erstmal ganz lange nicht. Ich stehe wieder, weil das am wenigsten wehtut, wimmere vor mich hin und teste aus Langeweile die vielen Tritthebel an der Seite der Krankenhausliege. Vorne hoch, hinten hoch, alles wieder runter, alles zusammen hoch. Bei einem Hebel passiert gar nichts. Egal. Trotzdem toll. Wenn man nicht drauf liegen muss.

Irgendwann kommt die freundliche Ärztin doch und bittet mich, auf der Liege Platz zu nehmen. Die rollt dabei erstmal durch den kleinen Behandlungsraum, die Ärztin stoppt das Ganze und seufzt. „Da hat wohl der Helfer wieder mal die Liege nicht festgestellt“, glaubt sie, aber ich vermute, dass es wohl der Fußhebel war, bei dem gar nichts passierte. Das sage ich ihr natürlich nicht. Der Helfer muss lernen, sich selbst zu verteidigen.

Die Ärztin tastet meine Arme und Schultern und meine Wirbelsäule ab und wirkt dabei relativ zufrieden. Dann lässt sie mich die Arme in verschiedene Positionen bringen, zieht an meinen Fingern, bittet mich, bei ausgestreckten Armen ihre Hände mit meinen fest zu drücken, lächelt ganz kurz, als ich dabei sage „Komm, du schaffst das!“ und findet dann alles ganz in Ordnung. Zum Abschluss drückt sie mir dann noch einmal sehr kräftig auf das linke Schlüsselbein und ich zische eine „Sieben!“ durch die Zähne.

„Na, das röntgen wir wohl lieber mal.“

schluesselbeinbruch1 Kopie

Das Röntgenbild nimmt mir jede Hoffnung auf Gehtschon. Dabei erkennen Expert*innen auf dem Bild oben: Ich hab nochmal Glück gehabt. Der Knochen ist nicht völlig durchgebrochen, und so beschließen eine andere Ärztin und ein anderer Arzt, dass der Knochen durch drei Monate CDU-Mitgliedschaft wieder zusammenwachsen wird. Zumindest verstehe ich das so, als sie von einer „konservativen Behandlung“ sprechen. Was in Wahrheit natürlich bedeutet: Ich brauche keine Platte auf den Knochen geschraubt zu bekommen, der wächst auch so wieder zusammen, denn er steht relativ gut. Wir versuchen es ohne OP.

Damit aber alle sehen, wie schlecht es mir geht, bekomme ich neben Schmerzmitteln eine Armbinde, die mir in den nächsten Tage das Leben und vor allem die Nächte zur Hölle machen wird, obwohl sie nur die Schulter ruhigstellen soll. „Rucksackverband macht man nicht mehr“, erklärt mir der Helfer, der mir die Armbinde anlegt und wahrscheinlich wieder vergessen hat, die Liegenbremse zu fixieren. „Aha“, antworte ich und nehme mir vor, „Rucksackverband“ zu googeln, sobald ich aus dem Krankenhaus raus bin, also wieder Internet habe.

Einen Schlüsselbeinbruch kann man nicht eingipsen. Man muss bei echten Durchbrüchen wie oben beschrieben den Knochen schienen, also operieren, und dann und in Fällen wie meinem versuchen, die Schulter ruhig zu halten und möglichst selten wieder draufzufallen. Heben soll man auch nichts. Man kann nur warten, aufpassen, regelmäßig kontrollieren und hoffen. Und die Schmerzen betäuben, denn weh tut das Ganze noch eine Weile lang. Nach sechs bis 12 Wochen ist der Knochen wieder okay und der Magen durch die Schmerzmittel im Eimer, je nach Schwere des Bruchs geht dann die Reha los, damit man wieder Vespa fahren kann.

Die Armbinde nervt und bringt wenig, an Schlaf ist kaum zu denken. Die nachbehandelnde Ärztin schüttelt den Kopf. Ein Rucksackverband helfe viel mehr und schneller. Also komme ich eine Woche nach dem Unfall in den zweifelhaften Genuss, endlich mal in einen dieser Läden gehen zu können, in denen es Sitzbälle und Prothesen gibt, streichle beim Vorbeischlendern zärtlich die Kotflügel der Elektro-Rollatoren und schaffe mir einen Rucksackverband an, der bei Amazon 49, im Schlüsselbeinbruchzubehörladen aber 89 Euro kostet. Der nervt auch, sieht aber etwas cooler aus und vor allem kann ich wenigstens meinen linken Arm ein bisschen bewegen und diesen Text tippen.

Und jetzt geht es erstmal in den Urlaub. Auf den ich mich seit Wochen freue und der nun durch meine Unbelastbarkeit leider etwas eigeschränkt toll werden wird. So ist das bei Selbstständigen: Krankheiten und Unfälle bitte immer schön in die knapp bemessene Urlaubszeit legen, danke!

Aber ich glaube ja ohnehin an psychische Hintergründe fast aller Erkrankungen und vermutlich war dieser Unfall auch eine Warnung, mal innezuhalten und eine Nummer runterzufahren. Die letzten Monate und Jahre waren Irrsinn, ich bin auch keine 24 mehr und ich sollte mehr auf mich achten. Was ich offenbar nicht tue, solange nicht wenigstens ein Schlüsselbein gebrochen ist.

Schlüsselbeinbrüche gehören (ich habe natürlich so lange gegoogelt, bis hundertprozentig klar war, dass ich bald an Schlüsselbeinbruch sterben werde, also etwa drei Minuten) zu den häufigsten Brüchen. Und wie so oft im Leben erfährt man ja immer erst dann von Leidensgenoss*innen, wenn einem selbst mal Mist passiert. Ich war jedenfalls überrascht, wie viele Facebook- und Twitter-Bekanntschaften noch viel härtere Brüche hinter sich haben. Und ich bin noch einmal mehr erleichtert über mein Glück im Unglück, seit ich erfuhr, dass ein Freund letzte Woche so schwer von einem Auto erwischt wurde, dass er mit schweren Brüchen am Rückgrat nach Not-OP glücklicherweise überlebt hat – aber nun wieder laufen lernen muss.

Passt also gut auf euch auf. Lasst die Karre auch mal stehen, wenn es regnet. Fahrt auf dem Fahrrad immer defensiv, egal, wie sehr ihr im Recht seid.

Ansonsten gilt wie immer:

Weiterleben!

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